Stressfrei trotz Dauererreichbarkeit – was Unternehmen und Mitarbeiter beachten sollen

Dauerreichbarkeit macht krank – das ist die landläufige Meinung. Deshalb schalten Firmen ihre Emailserver abends ab oder löschen eingehende Emails in Urlaubszeiten. Kann man mit dem Gießkannenprinzip das Problem wirklich beheben? Schließlich berichten immer mehr Personaler, dass Mitarbeiter bei von oben angeordnetem Email – Entzug einfach ihre privaten Mail Accounts nutzen. Ein gewisser Widerspruch ist unverkennbar: als mündiger Mitarbeiter soll  man  im Job Verantwortung und Eigeninitiative an den Tag legen  und dann wird vorgeschrieben, bis um wieviel Uhr man seine Mails lesen darf. Der Gedanke an die Kindersicherung im Auto drängt sich nahezu auf…..

Das Problem mit der  Dauerreichbarkeit  ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas. Dauerreichbarkeit ist auch nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil, die heutigen Möglichkeit der Erreichbarkeit schaffen auch Freiräume und Flexibilität  sowie die Möglichkeit, Berufliches und Privates besser zu verbinden. Für manch einen ist es auch entlastender, im Urlaub ab und zu die Mails zu checken, als am ersten Tag nach dem Urlaub vor einem überquellenden Posteingangsfach zu sitzen. Mögliche negative Auswirkungen sind aber auch unbestritten vorhanden. Die Zahl der Burnoutfälle steigt rapide an (1) und die Hirnforschung beweist aufs neue immer wieder, wie wichtig Zeiten der Ruhe und des Leerlaufes sind zur  Regeneration und zum Erhalt physischer und psychischer Gesundheit. Deshalb ist es auch begrüßenswert, dass sich immer mehr Unternehmen des Themas und ihrer damit verbunden Fürsorgepflicht als Arbeitgeber annehmen. Aber negative Auswirkungen der Dauererreichbarkeit können nur vermieden werden, wenn man die eigentlichen Ursachen aufdeckt und dazu Lösungen entwickelt.

Stress durch Dauerreichbarkeit hat verschiedene Ursachen. Einmal sind da unsere individuellen Verhaltensmuster. Smartphones, Email, Facebook, Twitter u.a. dominieren den Tagesablauf. Echte Auszeiten, in denen man nicht erreichbar ist und keine Nachrichten abruft, kennt man kaum noch. Im Beruf wird neben Stress die ständige Erreichbarkeit zunehmend zum Statussymbol für Wichtigkeit und Unabkömmlichkeit. Unternehmen haben naturgemäß nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf persönliche Verhaltensmuster. Sie können mit Aufklärung zur Prävention beitragen oder in schwierigeren Fällen Coaching anbieten. Aber ihre Aufgabe als Arbeitgeber ist es, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Dauererreichbarkeit nicht zur Belastung wird. Dazu reicht es nicht aus, die Emailverbindungen zeitweise zu kappen. Jedes Unternehmen muss prüfen, ob und wann Mitarbeiter außerhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar sein müssen und dann dafür eindeutige Richtlinien aufstellen. Stress entsteht dann, wenn es keine klaren Regeln gibt und Mitarbeiter oft nur das Gefühl haben, erreichbar sein zu müssen. Natürlich sind Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung auf die Verfügbarkeit von Mitarbeitern auch außerhalb fester Kernarbeitszeiten angewiesen – man denke nur Kooperationen mit Asien oder Amerika und die damit verbundene Zeitverschiebung. Aber auch Feuerwehrleute oder Notärzte können jahrzehntelang Bereitschaftsdienste machen ohne krank zu werden, weil es für sie transparente Vorgaben und feste Auszeiten gibt.

Oft verstecken sich hinter dem Thema ‚Dauerreichbarkeit‘ auch noch andere Probleme. Da ist zunächst einmal eine allgemeine Überlastung. Immer mehr und neue Aufgaben führen dazu, dass man den Feierabend benötigt, um sein Arbeitspensum überhaupt zu schaffen. Und schließlich ist der Büroalltag in vielen Unternehmen durch ständige Störungen, Rückfragen und Unterbrechungen durch Telefonate, Emails usw. geprägt, die konzentriertes Arbeiten fast unmöglich machen. Diese Form der ‚Dauererreichbarkeit‘ am Arbeitsplatz kann zu erheblichen Leistungsrückgängen führen und ist eine der Hauptursache für Stress im Beruf. Wissenschaftler am Londoner King’s College haben eindrücklich nachgewiesen, dass die Arbeitsleistung durch Unterbrechungen erheblich stärker sinkt als durch den Konsum von Marihuana (2). Und auch die Wissenschaftlerin Gloria Mark hat empirisch erhoben, dass es im Schnitt 24 Minuten dauert, bis man nach einer Unterbrechung wieder dort anfängt zu arbeiten, wo man aufgehört hat. Man kann nur ahnen, wieviel Arbeitsleistung und Produktivität tagtäglich in deutschen Unternehmen so verloren geht. Ständige Unterbrechungen verhindern aber auch, dass wir uns ganz in eine Aufgabe vertiefen und dabei Raum und Zeit vergessen. Gerade der so entstehende ‚Flow‘ ist es aber, der uns glücklich und zufrieden macht – der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi (3) hat das eindrucksvoll beschrieben. Unternehmen, die diese Konzentration ermöglichen, indem sie ihre Abläufe überprüfen und verschwendungsfrei gestalten, erhöhen damit nicht nur ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, sondern tragen gleichzeitig auch zum Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter bei.

Fazit: Negative Folgen der Dauererreichbarkeit lassen sich nicht durch technische Maßnahmen abstellen. Erfolgsversprechende Lösungen müssen bei den eigentlichen Problemursachen ansetzen.

Wenn Sie sich durch Dauerreichbarkeit belastet fühlen, erhalten Sie mit der folgenden Checkliste einen allerersten Anhaltspunkt über mögliche Ursachen:

A: persönliche Verhaltensmuster

B: Anforderungen des  Arbeitgebers an die Verfügbarkeit außerhalb der regulären Arbeitszeit

C: Organisation des Arbeitsumfeldes und der täglichen Abläufe im Beruf.

Checkliste Dauererreichbarkeit: Welche Punkte treffen bei Ihnen zu?

 

A

1. Prüfen Sie in der Freizeit regelmäßig  (fast stündlich oder  8 x täglich ihre Mails und Facebook, Twitter Accounts etc.??
2. Liegt ihr Smartphone nachts neben dem Bett?
3. Fühlen Sie sich unwohl, wenn Sie einmal ohne Smartphone unterwegs sind?
 

B

1. Werden Sie regelmäßig nach Feierabend oder im Urlaub aus beruflichem Anlass kontaktiert?
2. Sind Sie im Urlaub und nach der Arbeit immer für Ihre Firma erreichbar?
3. Grübeln Sie außerhalb der Arbeitszeit über berufliche Probleme nach?
 

 

C

1. Werden Sie am Arbeitsplatz regelmäßig unterbrochen/gestört?
2. Erledigen Sie manchmal Ihre Arbeit am Feierabend, weil es tagsüber zu hektisch war und Sie es nicht geschafft haben, alles zu erledigen?
3. Müssen Sie Ihre Arbeit oft unterbrechen, weil Ihnen Informationen fehlen, diese unvollständig oder nicht auf dem aktuellsten Stand sind?

 

Quellenverzeichnis:

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